Berliner Zeitung – Tuesday, March 24, 2015


Zerbrechliche Boote, gebaut von Flüchtlingen

Von Ingeborg Ruthe

Kunst als schmerzhaft aktuelle Parabel: Rebecca Raues Installation im Kirchenschiff.  Foto: VG Bildkunst Bonn 2015

Es ist Passionszeit, auch für die Kunst in Berlin: In St. Matthäi am Kulturforum hat die junge Rebecca Raue eine ergreifende Installationen aus weißen Faltschiffchen aufgebaut. Was für eine Metapher!

Das Paradoxe, das Unmögliche, ja, das Verzweifelte steckt schon im Titel der sich übers ganze Kirchenschiff von St. Matthäi verteilenden Skulptur: „Ankommen und Ablegen“, wie für Große Hoffnung und gnadenlose Desillusion. Für naiven Glauben an Güte, Barmherzigkeit, Solidarität. Aber auch für gleichgültige Abwehr, kalte Abschiebung. Schimpf und Schande, nur ein „Wirtschaftsflüchtling“, im reichen Europa also ein Sozial-Schmarotzer zu sein. Fremd, ungebeten, ungewollt, abgewiesen. Nur: Wohin, wenn es kein Zurück mehr gibt?

Neun leere hölzerne weiße Boote, vergrößerten, zerbrechlichen Papierschiffchen ähnlich und jedes mit nur einem einzigen Sitzsteg versehen, „schwimmen“, fremden Mächten ausgesetzt, durch den hohen weiten Kirchenraum. Sie kehren dem Altarbild – einem abstrakten Kruzifix des österreichischen Malers Arnulf Rainer und den in die Tiefe führenden, mit rotem Sand aus dem Heiligen Land bestreuten „Stufen“ des Israeli Micha Ullman Bug oder Heck zu. Was bei diesen Todesbooten eh egal ist. Und doch sind sie alle ein Hoffnungs-Gefährt, hin zum Sehnsuchtsort Europa, trotz des Risikos, in der See zu ertrinken. Bloß weit weg von jenen Orten, an denen Menschen nicht bleiben wollen, weil sie nicht mehr daran glauben, dort, in ihrer Heimat Afrika, irgendetwas verändern zu können. Nicht die Not, das Elend, die Dürre, den Bürgerkrieg, die Willkür, die Korruption.

Metapher für Flucht übers Meer

Die weißen Boote lagern zwar auf dem Steinfußboden der Kirche, scheinen aber – es sind unten Rollen angebracht – dennoch orientierungslos zu trudeln. Besenstiele dienen als Masten, Baumwollhemden als hilflose Segel, so bunt kariert wie jene billigen, sperrigen Kunststoff-Taschen, in denen Flüchtlinge ihr bisschen Hab und Gut mit sich schleppen. Und die Boote sind mehr Seelenverkäufer denn Hoffnungs-Schiffe in ein neues Leben. Sehnsuchtsort Europa.

Diese puristischen, simplen Flüchtlings-Einmaster werden im Kirchenschiff zur krassen Metapher für Flucht übers Meer. Rebecca Raue ließ die primitiven Nussschalen von Flüchtlingen zusammenbauen, die von Lampedusa aus Afrika nach Berlin kamen. Gerettet aus den heillos überfüllten Booten , widerwillig geduldet. Noch hoffen sie, es geschafft zu haben. Unzählige andere sind auf der Überfahrt ertrunken; das Meer hat sie verschlungen, von ihnen bleiben oftmals nicht einmal die Namen.

Dieses „Cucula-(Boots)Projekt“ setzt auf Empathie: Es sieht vor, dass das Publikum sich in die zerbrechlichen weißen Boote hinein-, sich so in die Lage eines übers Meer Fliehenden versetzen sollte. Boote, sagt Rebecca Raue, seien Parabeln fürs Reisen, auf dem Weg-Sein.

Dieses Gefühl, diese Gedanken hätten sie schon als kleines Mädchen beschäftigt. Aber als behütetes Kind einer gut situierten Berliner Familie eine abenteuerliche Bootsfahrt zu erleben oder aber die angstvoll-verzweifelten, traumatischen, gar tödlichen „Reise“-Erfahrungen von übers launische, tückische Meer Flüchtenden machen zu müssen, das sei natürlich, sagt sie, überhaupt nicht zu vergleichen. Die Berliner Malerin, Fotografin und Konzeptualistin, inzwischen Mutter zweier Kinder und mit Atelier in Prenzlauer Berg, kam 1976 in Berlin (West) zur Welt, wuchs auf in einer Familie, in der Meisterwerke zur Alltag, Kunst, Theater, Musik Lebensmittel sind. Ihr Vater ist der Kunstanwalt und Sammler Peter Raue. Sie studierte an der UdK bei Baselitz und der Bildhauer-Magierin Rebecca Horn.

Ein begehbares Bild zur Selbsterkenntnis

Und so ist gerade das Boot mit seiner einfachen uralt-archaischen Form – das fällt schon lange auf im Schaffen der jungen Frau – bei ihr ein wiederkehrendes Motiv.

Mit dem Boot kann man Freiheit assoziieren, Reiselust, Fernweh. Das Boot kann aber metaphorisch auch als Körper verstanden werden, in dem wir durchs Leben reisen. Mit dem Boot verbindet sich auch die Frage nach Heimat, nach einem Zuhause. Und das Boot steht nicht zuletzt für Fragen wie: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin?

Kunst hat in erster Linie ästhetisch und kreativ zu wirken, das ist seit Urzeiten das Gesetz allen Schaffens künstlerischer Naturelle. Nachdrücklich, sinnlich, lehrreich, bildend aber ist es auch, wenn ein Werk, gerade wenn es so simpel daherkommt, so ganz den Ansichten der Betrachter entspricht, dies könne womöglich auch er zustande bringen (was er freilich so präzise dann doch nicht schafft ).

Und ganz aktuell fragt „Ankommen und Ablegen“ danach,, wie Deutschland, wie Europa sich dem Leid der Flüchtlinge annimmt, menschlich handelt. Mit ihrer Installation will Rebecca Raue keine fertigen Antworten liefern. Sie bietet stattdessen allen, die bereit sind, sich darauf einzulassen, ein – begehbares – Bild, das uns, ganz unmissionarisch, zum Selbstgespräch, zur ehrlichen Selbstbefragung bringen könnte. Aus dem sakralen Innenraum hinaus in den Alltag. Was und wo eigentlich ist „Zuhause“? Und: Sitzt – auf einem vom aggressiven Klima-Wandel, von Raubbau, schier unlösbaren politischen und sozialen Konflikten, Bürgerkriegen, IS-Terror und Machtkämpfen zerstörten Erdball nicht längst alle Welt in solch einem zerbrechlichen, trudelnden Boot? Die ehrliche Antwort ist nicht erfreulich.