Berliner Morgenpost – Tuesday, April 17, 2012


Rebecca Raue

Mit der Kunst groß geworden

Rebecca Raue erschafft das, was ihr Vater Peter Raue schon seit vielen Jahren leidenschaftlich in und für Berlin sammelt – Kunstwerke

Ihre Berufswahl überrascht nicht. Zumindest auf den ersten Blick. Aufgewachsen in einem Haushalt, in dem Meisterwerke zur Inneneinrichtung gehören, in dem Kunst und Theater ein Teil der Familie sind, ist es wohl nur konsequent, dass Rebecca Raue die Faszination für das kreative Schaffen zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht hat. Die 35-Jährige kam durch ihren Vater, den stadtbekannten Anwalt, Mäzen und Sammler Peter Raue, früh in Berührung mit der Kunst. Lernte, sie zu begreifen, zu interpretieren – und dann schließlich selbst zu gestalten.

“Ich sehe es als eine Art Auftrag an, alles andere wäre für mich eine Form des Weglaufens gewesen”, sagt sie. In der Malerei und der Fotografie, zwei Schwerpunkte ihres Schaffens, hat sie ihre Bestimmung gefunden. Eine Bestimmung, die durch den Vater von Beginn an zu ihrem Alltag gehörte – welche ihr jedoch nicht aufgezwungen wurde, wie sie betont. “Wir haben uns nie über ihren Berufswunsch beraten”, sagt Peter Raue. “Aber dass es die Kunst geworden ist, hat mich natürlich beglückt.” Bereits als Kind wollte sie bei den Ausflügen ihrer Eltern in die großen Häuser Europas dabei sein, saugte die Eindrücke auf, diskutierte mit ihrem Vater. “Nicht um zu gefallen”, wie sie sagt. Der heute 71-Jährige öffnete ihr die Tür zu einer Welt der Farben und Formen – als langjähriger Vorsitzende des Vereins der Freunde der Nationalgalerie wurde er zu einer Größe in der Szene.

Einfach, sagt Rebecca Raue, habe es ihr der Name trotzdem nicht gemacht: “Ich musste mich eine Zeitlang von ihm abgrenzen.” War es anfangs noch der Stolz, der überwog, wenn ihr Vater bei gemeinsamen Führungen sein Wissen referierte, wollte sie später ungern mit ihm zusammen durch die Museen streifen.

Besonders zu Beginn des Studiums an der Universität der Künste in ihrer Heimatstadt Berlin haderte sie mit der Prominenz des Vaters, gab nicht jedem ihren Nachnamen preis. Georg Baselitz etwa, der sie neben Rebecca Horn unterrichtete. “Ich war glücklich, dass er mich aufgenommen hat, ohne von meinem Vater zu wissen”, erzählt die Künstlerin, die von der Galerie Michael Schultz in der Mommsenstraße 34 vertreten wird. Verletzt habe ihn das nicht. “Das war für sie damals ein Hemmschuh”, sagt Peter Raue. Mittlerweile versteckt sich seine Tochter nicht mehr. Sie drückt ihre Persönlichkeit mit dem Pinsel aus, in der Malerei, die sie selbst lieber als “Farbzeichnung” umschreibt. Ihre Bilder, sagt sie, hätten alle etwas Persönliches, Ehrliches. Etwas anderes könne sie gar nicht. “Bei manchen Arbeiten erschrecke ich fast”, sagt Peter Raue. Weil sie ihm seine Tochter auf eine eigene Art näher bringen – “auch wenn ich es nicht immer verstehe.”

Beide sehen sich nicht oft, zu selten, sagen sie. Rebecca Raue ist zweifache Mutter, arbeitet viel in ihrem Atelier in Prenzlauer Berg, während Peter Raue neben seiner Tätigkeit in seiner Kanzlei nahezu seine gesamte Zeit in die Kunst investiert. Doch sei durch die Enkel eine neue Dichte zwischen ihnen entstanden, eine Verbindung, die sie sonst häufig beim Betrachten einiger Werke empfinden. “Wir haben beide zur Kunst einen sehr emotionalen Bezug”, sagt Peter Raue. Da können schon Tränen fließen, wenn sie ein Bild berührt. Zu sich und seinem Gefühl zu stehen, dafür sei sie ihrem Vater dankbar. “Und dafür, dass es ihm wichtiger war, wie ich bin – nicht wie ich sein sollte.” Die künstlerische Freiheit eben.