“Der Aufbruch zu einer Reise zu sich selbst” – Karin von Hülsen

Zur Eröffnung der Ausstellung "Zuhause ist für die meisten Menschen sehr weit weg" in Berlin, Dezember 2004

Sehr geehrte Damen und Herren,
Zuhause ist für die meisten Menschen sehr weit weg. Das ist schon ein ungewöhnlicher Titel für eine Ausstellung. Zuhause, war das nicht dort, wo die meisten von Ihnen die Einladungskarte für die Ausstellung von Rebecca Raue das erste Mal in die Hand genommen oder zumindest das erste Mal bewusster angeschaut haben? Haben Sie sich da gefragt, was Rebecca Raue damit sagen will, denn Ihr Zuhause war gar nicht sehr weit weg. Sie waren ja dort. Entweder Sie gehören nicht zu den von Rebecca Raue angesprochenen „meisten Menschen“ oder Rebecca Raue meint etwas anderes. Wo ist es nun, Ihr Zuhause?
Die Karte, mit dem ungewöhnlichen Ausstellungstitel, hat Sie nicht nur zu diesem Abend eingeladen – sondern Sie in dem Moment, in dem Sie sie gelesen haben, gleich abgeholt – abgeholt, sagen wir zu einer Reise. Aber wohin führt diese Reise?
Novalis hat auf die Frage „Wo gehn wir denn hin?“ geantwortet „Immer nach Haus!“. Aus dem Geist der Romantik versteht man sofort, dass daraus eine leidenschaftliche unerfüllte Sehnsucht spricht, die zu seinen Zeiten hingebungsvoll ausgelebt wurde. Das 20. Jahrhundert hat uns hier misstrauischer gemacht. Der Begriff Heimat als eine mögliche Definition von Rebecca Raues „Zuhause“ galt manchem nur noch als „leicht weinerliche Verlusterklärung“. Damit verbunden war eine große Skepsis. Die Sehnsucht blieb.
Rebecca Raue lässt sie aus sich heraus wieder aufleben – aber nicht wie mancher Romantiker rückwärtsgewandt und deutschtümelnd, sondern nach vorne gerichtet und extrem persönlich. „Zuhause ist für die meisten Menschen sehr weit weg“, der Titel dieser Ausstellung und der Titel eines Bildes von Rebecca Raue, ist der Aufbruch zu einer Reise zu sich selbst. Damit steht diese Arbeit exemplarisch für Rebecca Raues Werk.
Mit ihrer Position beweist Rebecca Raue sehr viel Mut. Sie hat keine Angst, die großen Fragen des Lebens zu stellen, die ganz großen Fragen. Sie hat keine Angst, ihr innerstes ungefiltert nach außen zu kehren. Sie hat keine Angst, von sich und den anderen beständig einen Aufbruch zu fordern, ein Loslassen von Vertrautem, ein Hinwenden zu Neuem.
Und in noch einer Hinsicht ist Rebecca Raue sehr mutig – in der Art wie sie es tut: sie hat keine Angst vor Schönheit in ihren Arbeiten.
Liest man die Titel der hier ausgestellten Bilder – zumeist aus dem Jahr 2004 – so hat man das Gefühl in die Kapitel eines Bilderbuchs einzutauchen: schön, poetisch und naiv. „Wenn die Elephanten reisen komm ich mit“, „Das Gespenst des eigenen Geistes tanzt Tango“, „Im Bauch des Wolfes ist Himmel“, „Zwei Gedanken spielen Fangen.“ Die jeweiligen Titel finden sich als Schriftzeichen in den Zeichnungen wieder.
Schrift und Zeichnung sind zentrale Elemente der Arbeiten von Rebecca Raue. Mit ihnen erschafft sie Erzählbilder, Traumbilder, oder wie sie selber sagt „Wohlfühlräume“, bislang ungekannte poetische Orte. Dabei sind die Worte in ihren Arbeiten nicht beschreibend, die Zeichnungen nicht bebildernd.
Beides steht für sich selbst. Und doch nicht um seiner selbst willen. Denn die Schriftbilder haben eine Aufgabe: indem die Schrift der Zeichnung eine Richtung gibt und die Zeichnung der Schrift eine Landschaft, sollen sie Rebecca Raue selber und den Betrachter zum Aufbruch
rufen, ihn an die Hand nehmen und ihm einen weiteren Raum öffnen.
Die Traumwelten fungieren als Mittler zur Realität. Sie sollen das Innen vorsichtig sichtbar machen, punktuell bewusst, real werden lassen. Sie sollen etwas Ungewohntes anstoßen, indem sie an Bekanntes anknüpfen. Dabei geht es nicht um eine romantische, naive Suche nach dem Sinn, sondern eine beschreibende Bilderreise durch die Welt. Bilder sind das, was Rebecca Raue interessiert, Bilder als Speicher erlebter und als Orte erlebbarer Geschichten. Über vertraute Bilder und die entstehenden Traumbilder versucht Rebecca Raue, sich von der eigenen beschränkten Wahrnehmung des Jetzt und Hier loszulösen. Sie beginnt die eigenen Bilder im Kopf zu hinterfragen und neue Bilder entstehen zu lassen. Sie ist fasziniert von den Verflechtungen und den Verbindungslinien zwischen unserer vermeintlichen Realität, dem Unterbewussten und den Beziehungen, die wir aufbauen. Letztlich folgen und hinterfragen ihre Arbeiten das Grundprinzip menschlicher Kommunikation und werden so als ihre persönliche Ausdrucksform ein Teil davon.
Rebecca Raue – Jahrgang 1976, geboren und aufgewachsen in Berlin – schöpft für ihre Arbeit aus sehr persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen, den spontanen und den gesuchten. Performance spielt dabei eine wichtige Rolle. Die körperliche, häufig extreme Situation hilft ihr, ihr Innerstes nach außen zu kehren. Sie selbst spricht von den „gepressten Momenten von Zeit“ und Rebecca Horn sagt über Rebecca Raue in diesen Momenten: „sie lotet die Grenzen zwischen Phantasie und Realität aus, während die Grenzen zwischen Möglichem und Unmöglichen verschwimmen und unsere Vorstellungskraft beflügelt wird.“
Bestes Beispiel dafür ist die Performance Die Zeit beschreiben“ aus dem Jahr 1999. Sie wird zum Initialerlebnis ihrer heutigen Ausdrucksform: Bis 1999 setzte sich Rebecca Raue mit anderen Malern auseinander. Sie arbeitete nach Vorlagen, die sie immer und immer wieder abzeichnete. Ihre Zwischenprüfung als Schülerin der Baselitz-Klasse an der Universität der Künste in Berlin fällt in diese Zeit – aber auch das Gefühl einer kompletten Entleerung. „Sich mit Malern auszutauschen, war an die zweite Stelle gerückt.“ Auf der Suche nach einem Ausweg treibt Rebecca Raue mit der Arbeit „Die Zeit beschreiben“ das Gefühl der Leere ad Absurdum: Sieben Stunden lang schreibt sie in ein Buch. Sie setzt den Stift nicht ab. Kontinuierlich lässt sie ihn über die Seiten gleiten. Kein Verharren – nur alle sieben Minuten ein kurzes photographisches Selbstportrait. Doch auch dieser Moment erlaubt keine Denkpause. Ein gewagtes Abenteuer, ein sekündliches Protokoll der Gedanken auf dem Weg zur kompletten Entleerung – und auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage: Was kommt hinter den Gedanken? Das Unterbewusste bahnt sich seinen Weg und erfindet für Rebecca eine Ausdrucksform, die sie ab sofort begleiten wird: die Schriftbilder – genauso zwanghaft, wie selbstverständlich.
Im darauf folgenden Jahr setzt sie die performative Art zu arbeiten fort: „Kann man Seele sehen?“ ist der Titel der Performance, die Sie sich in einem Videozusammenschnitt hier im Eingangsbereich anschauen können. Zusammen mit dem Rebecca Horn Schüler Christoph Mayer verbringt sie drei Tage und drei Nächte in einem länglichen Glaskasten einer Wiener U- Bahnhaltestelle. Nur eine Linie trennt die beiden am ersten Tag voneinander.
Am zweiten Tag ist es eine Glasscheibe. Sie schauen einander an. Hin und wieder unterbrechen sie den Blickkontakt, um erscheinende Worte oder Bilder an die Scheiben des Glaskastens zu
zeichnen. Am dritten Tag trennt sie eine Holzwand. Sie versuchen noch immer sich anzuschauen. Real ist das natürlich nicht mehr möglich. Schrift und Zeichen sind für beide der Ausweg. Kann man Seele sehen? Intensiver und körperlicher kann man so eine Frage nicht stellen und Malerei dem Betrachter auch nicht fühlbar machen.
Auch die in Santiago de Compostela entstandene Arbeit „Ankommen“ handelt von erlebten und aufkommenden Bildern. Ausgangspunkt ist die Nachbereitung einer Pilgerreise. Nach 30 Tagen nur Laufen, von morgens bis abends, kommt Rebecca Raue im Museumsgarten in Santiago de Compostela an. Die nächsten drei Tage verbringt sie in dem Raum einer dachlosen, mehrstöckigen Hausruine. Sie will den Raum mit seiner Realität und seiner Geschichte erfahren, die Verbindung zu sich suchen und letztlich nach ihrer Reise bei sich ankommen. Sie will die Wahrheit des Raumes als ihre Wahrheit annehmen. Erst beginnt sie den Raum mit ihren eigenen Körpermaßen zu vermessen, dann sucht sie Anknüpfungspunkte zwischen dem Raum und ihrer eigenen Geschichte. Erst jetzt hat sie den Raum für sich, den Pilgerweg in Gedanken nachzuvollziehen, das Laufen, die gesehen Bilder und die gefühlten Erinnerungen wieder aufleben zu lassen. Sie beginnt, den gegangenen Pfad mit Steinen in der Ruine nachzulegen, führt die erschienen Bilder wieder in die Realität über und holt den Erinnerungsraum wieder in einen konkreten Raum, in das konkrete Jetzt herüber.
Die drei beschriebenen Performances bringen uns die Arbeitsweise von Rebecca Raue nahe. Alle drei, so körperlich sie sind, leben von den abstrakten Elementen Schrift und Zeichnung – ob in der Performance oder durch die Dokumentation danach. Die zeichnerische Arbeit und die körperlichen Erfahrungen sind nicht losgekoppelt – das eine nicht ohne das andere denkbar. Die körperliche, sinnliche Erfahrung und der Gestus der Performances tragen Rebecca Raue bis heute in ihrer Malerei. Ihre Malerei lebt vom selben Rhythmus.
So greifen auch ihre Bilder in den Raum hinein, wirken plastisch. Mit dem ihr eigenen Gestus gelingt es ihr ihre Körperlichkeit auf den zweidimensionalen Raum zu übertragen. Vor allem durch ihre sehr spezifische Arbeitsweise: sie ist spontan und emotional. In ihren Arbeiten setzt sie „Zeichen, die von der Schrift kommen, die gleiche Schnelligkeit haben und doch etwas ausdrücken, was nicht mit einem Wort sagbar ist.“ – sagt sie selber. Rebecca Raue arbeitet in der Regel ohne Vorlagen. Dabei greift sie zu Materialien, die ihr die größtmögliche spontane Umsetzung dessen, was in ihr ist, erlauben: Papier, Pappe, Kohle, Bunt- und Bleistifte – sowie Tinte, Acrylfarbe und Pastellkreide.
In Rebecca Raues Malerei gibt es kein Grundkonzept, keinen akribischen Plan. Und doch ist ihre Malerei nicht chaotisch oder beliebig. Wie bei den Performances „Zeit beschreiben“, „Kann man Seele sehen“ oder „Ankommen“ beschreiben die Arbeiten ihre Reise zu einem fernen Bild. Sie sind klar komponiert, auf den ersten Blick leicht und luftig, aber letztlich von einer eigentümlichen Anspannung. Es sind die Ecken und Kanten in ihren Arbeiten, die manchmal verkrampften Schriftzeichen, der oft auch erstaunlich harte Gestus, der zum Bruch mit der Traumwelt führt. Er erzeugt Reibung. Wichtige Reibung. Sie erlaubt nicht, sich in der Poesie und Schönheit zu verlieren. Sie fordert das Loslassen, den Aufbruch.
Mit ihrer Arbeitsweise folgt Rebecca Raue keinem direkten künstlerischen Vorbild sondern sich selbst. Und doch schwebt sie nicht im luftleeren, traditionslosen Raum. Weniger didaktisch als fühlbar lässt ihr Werk die intensive Auseinandersetzung mit anderen Künstlern
erkennen. Es sind prägende Erfahrungen, die sie dabei sammelt und die indirekt in ihre Arbeiten einfließen – in meinen Augen in dreierlei Hinsicht, in den drei zentralen Elementen ihrer Arbeit:
– Schrift und Zeichnung – Traum und Körperlichkeit – Farbe und Luft
Über die Bedeutung von Schrift und Zeichnung in Rebecca Raues Arbeit habe ich schon geredet. Schriftbilder finden sich in der modernen Kunstgeschichte nicht selten. Man denke nur an Jenny Holzers digitale Schriftbänder, Lawrence Wieners Wandschriften oder Bruce Naumanns Neonschriftzüge – doch findet sich dort keine für mich wirklich fühlbare Verwandtschaft mit dem Werk von Rebecca Raue. Spürbar ist aber wohl eine Nähe mit den großflächigen Schriftbildern von Cy Twombly. Es ist der Duktus ihrer bemerkenswerten Handschrift, der eine ähnliche kindliche Anmutung und Anspannung hat, wie wir ihn von Cy Twombly kennen. Dennoch gibt es deutliche Unterschiede: Wo er kryptisch und archaisch oft farblos arbeitet, im spontanen Gestus Strichmuster in seine geweißten Leinwände einritzt, eine sehr persönliche und schwer zugängliche Bildsprache schuf, die sich wohl eher verschließt – nutzt Rebecca Raue die Kraft der Kombination aus Schrift und Zeichnung, um das Bild zu öffnen.
Das zweite zentrale Element in ihrer Arbeit, auf das ich immer wieder gestoßen bin, ist Traum und Körperlichkeit. Die Art, wie beides in Rebecca Raues Werk Raum einnimmt, lebt von einer jahrelangen spürbaren Auseinandersetzung mit Rebecca Horn, ihrer Lehrerin nach Baselitz an der UDK. Nach der Arbeit „Ankommen“, die schon unter der Leitung von Rebecca Horn steht, wird sie 2000 in ihre Klasse aufgenommen, 2003 absolviert sie bei ihr ihren Meisterschüler. Doch nicht nur als ihre Schülerin setzt Rebecca Raue sich mit der Künstlerin auseinander.
Die Beschäftigung reicht weit über diese schulische Beziehung hinaus. Es sind die absurden Geschichten, die Rebecca Horn erzählt, die entrückten Traumwelten, die sie in ihren Installationen, Performances und Filmen erschafft, die Rebecca Raue berühren. Wie sie mit nur wenigen Mitteln das Alte zu brechen vermag und dem Gewohnten so eine neue Poesie verleihen kann. Beschäftigt man sich mit den Werken beider Frauen, so spürt man eine starke Verbundenheit von Rebecca Raue mit der Künstlerin. Doch bleibt Rebecca Raue weitaus stärker in ihrem Tun, der eigenen sinnlichen körperlichen Erfahrung verhaftet. Ähnlich vielleicht wie Rebecca Horn es in ihren früheren Arbeiten tat.
Das dritte Element, ich habe es Farbe und Luft genannt, haucht den Geschichten scheinbar Leben ein und verleiht ihnen eine neue Dimension – vielleicht könnte man wie bei den Farbbildern Marc Rothkos von einer metaphysischen Ebene sprechen. Es ist sein Umgang mit Farbe, den Rebecca Raue für sich mitgenommen hat. Die unglaubliche Intensität, die er heraufzubeschwören weiß. Doch für Marc Rothko gilt „Hinter dem Raum ist nichts. Und vor ihm keine Fluchtmöglichkeit zu irgendetwas anderem.“ Hinter dem Raum ist aber für Rebecca Raue alles. Genau dorthin möchte sie. Und in ihren Arbeiten hilft ihr der Einsatz von Farbe dabei. Farbe verleiht dem erzählerischen Moment Kraft, es verleiht ihren Arbeiten Körperlichkeit und Tiefe. Jede Farbe, die Rebecca Raue in ihren Arbeiten einsetzt, wirkt bewusst gewählt. Sie wird häufig mit breitem Strich eingesetzt und steht so im starken
Gegensatz zu der filigranen, oft zerbrechlichen Zeichnung. Die Farbe verleiht dem Raum Schönheit, Tiefe und Luft. Es ist die Farbe, die die individuelle, sinnliche Erfahrung möglich macht.
Die drei beschriebenen Elemente und die aufgezeigten kunsthistorischen Parallelen sind für mich exemplarisch für die Art von Rebecca Raue: ihre Art, sich die sie umgebende Kunst anzueignen und sich gleichzeitig von ihr zu emanzipieren. Die Künstler Cy Twombly, Rebecca Horn und Marc Rothko haben eines gemeinsam: Sie haben Rebecca Raue vielleicht ein bisschen tiefer berührt als andere – in ihr viel, wie sie selber sagt, „zum Klingen gebracht“ . Doch sie haben sie nicht nur künstlerisch geprägt, sondern auch noch in einer anderen viel grundsätzlicheren Hinsicht: ihre jeweilige Herangehensweise an das Leben durch die Kunst hat dazu beitragen, dass Rebecca Raue den Aufbruch in ihre künstlerische Wirklichkeit sucht und damit den Weg zu sich selbst.
Es hätte hundert andere Wege für Rebecca Raue gegeben, sich im Leben zu beschäftigen. Doch durch die Auseinandersetzung mit diesen und anderen Künstlern wurde ihr bewusst: „Ohne das, ohne diese Wahrheit, will ich nicht leben.“ Damit wurde ihre künstlerische Reise zu ihrer Heimat, zu ihrem Zuhause.
Inwieweit es Rebecca Raue gelingt, Sie auf ihre Reise mitzunehmen, können nur Sie beantworten. Ich empfehle Ihnen jedoch: lassen Sie sich von Rebecca Raues Arbeiten an die Hand nehmen. Sie kommen so Ihrem eigenen Zuhause sicherlich ein Stück näher – aber seien Sie sich bewusst: Wenn Sie sich auf diese Reise mit ihr einlassen, werden Sie bald sehr weit weg sein.